Nach sechzehnmonatiger Suche war es dem Löwenstein-Forschungsverein gelungen, die Tochter von Felix und Helene Löwenstein, Doris Angel, und den Sohn von Artur und Flora Löwenstein, Harold Livingston, in Manchester und London zu finden.

Entgegen mancher Bedenken in Mössingen gelang es dem Verein, die beiden Nachkommen von Artur und Felix Löwenstein in die Steinlachstadt einzuladen. Im vom Löwenstein-Forschungsverein formulierten Einladungstext der Stadt Mössingen heißt es:

Sehr geehrte Frau Angel, sehr geehrter Herr Livingston,

mit deutlichem Respekt erinnert sich heute die Bürgerschaft der Stadt Mössingen der großen Leistungen der Gebrüder Artur und Felix Löwenstein als Begründer der PAUSA. Die beiden außerordentlich kreativen Neuerer der Stoffdrucktechnik haben für die Stadt Großes geschaffen. Zugleich erinnern wir uns mit Betroffenheit und Erschütterung aber auch an das bittere Unrecht, das diesen sozial und wirtschaftlich handelnden Menschen sowie ihren Familien in der Zeit des Nationalsozialismus widerfahren ist. Heute – viele Jahrzehnte danach – hat eine neue und junge Generation die Verantwortung übernommen, jene Menschen zu würdigen, die einst so unmenschlich vertrieben wurden. Seit längerem haben sich Bürgerinnen und Bürger aus Mössingen im Verein zur Förderung der Erforschung des Lebenswerkes und der Lebensgeschichte der Gebrüder Löwenstein e.V. (Löwenstein-Forschungsverein) zusammengeschlossen, um sensible Erinnerungsarbeit aufzubauen. Den engagierten und detektivischen Impulsen des Vereins ist es zu verdanken, dass die Nachkommen der Gebrüder Löwenstein gefunden werden konnten.

Es ist mir in meiner Eigenschaft als Oberbürgermeister ein persönliches und nachhaltiges Anliegen, mich vor diesem Hintergrund schriftlich an Sie zu wenden. Im Namen der Stadt Mössingen und ihrer Bürgerinnen und Bürger möchten ich Sie in einer Geste des Aufeinanderzugehens und des aufrichtigen Dialoges nach Mössingen einladen. Zusammen mit dem Löwenstein-Forschungsverein wollen wir Sie im Rahmen eines offiziellen Empfangs in unserem Rathaus begrüßen. Wir bitten Sie für den 22. Juli 2009 nach Mössingen. Die Vorbereitung und die Organisation wird vom Löwenstein-Forschungsverein getragen. Die Kosten werden aus Mössingen übernommen.

Die Geschichte der PAUSA und die Geschichte der Löwensteins gehören zur Geschichte Mössingens. Sie soll Teil unserer gemeinsamen ungleichzeitigen Zukunft sein.

Mit freundlichen Grüßen

Oberbürgermeister Werner Fifka


Mitglieder der Familie Löwenstein von links nach rechts: Ann Angel, Doris Angel, Tony Paxton, Sandra Lustig, Ronnie Jacob, Jacqueline Cowley, Harold Livingston, Catherine Lustig-Radt. (Angaben zur Person siehe „Projekt 2009-2012“)

Die Einladung wurde von der Vorsitzenden des Löwenstein-Forschungsvereins, Irene Scherer, am 21. Mai 2009 in Manchester den Nachkommen der Brüder Löwenstein in einer kleinen Zeremonie übergeben. Mehr als siebzig Jahre sind seit der Zwangs“arisierung“ des Textilunternehmens PAUSA und der Vertreibung der früheren Besitzer aus Mössingen im Jahre 1936 vergangen. Mehr als sechzig Jahre lang gab es keinen Kontakt zwischen Mössingern und der Familie Löwenstein.

Am 22. und 23. Juli 2009 besuchten acht Mitglieder der Familie Löwenstein Mössingen. Nach dem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt wurde in einem öffentlichen Empfang die Lebensleistung der Brüder Löwenstein gewürdigt. Es sprachen dabei neben dem Oberbürgermeister Werner Fifka (pdf-Datei Seite1, pdf-Datei Seite2) und der Vorsitzenden Löwenstein-Forschungsvereins Irene Scherer (pdf-Datei) auch Vertreter der Familie Löwenstein. Doris Angel (pdf-Datei) und Harold Livingston (pdf-Datei) ergriffen zu den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt das Wort. Lothar Frick, Direktor der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart, ging in seiner Rede (pdf-Datei) beim Empfang auf die Bedeutung der Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit im Land ein.

Der Löwenstein-Forschungsverein ist dem Oberbürgermeister Werner Fifka sehr dankbar, dass er den Wunsch des Vereins aufgriff, und sich im Namen der Stadt offiziell zur Verantwortung für das Jahrzehnte zurückliegende den Löwensteins angetane Unrecht bekannte und sich bewusst gegenüber den Mitgliedern der Familie Löwenstein entschuldigte.

Im Rahmen des Empfangs ging auch ein zweiter Wunsch des Löwenstein-Forschungsvereins in Erfüllung, den er im Jahre 2007 kurz nach seiner Gründung der Stadtverwaltung Mössingen überbrachte. Der Innenhof des renovierten und bislang namenlosen Pausa-Geländes sollte den Namen „Löwenstein-Platz“ erhalten. Der Mössinger Oberbürgermeister und der örtliche Gemeinderat überraschten die Familie Löwenstein mit einem einstimmigen Beschluss zugunsten der Namensbezeichnung.

Am Ende des Empfangs vom 22. Juli 2009 übergaben Doris Angel und Harold Livingston der Bürgerschaft und der Stadt Mössingen einen wertvollen Kunstband aus der Bibliothek von Felix und Artur Löwenstein. Der Band stand einstens in der alten Mössinger Pausa. Die von den Nazis vertriebenen Löwensteins konnten Teile der Bibliothek mitnehmen. In einer großen Geste kehrte nun das Buch von Manchester nach Mössingen zurück.


Im Rahmen des Besuches der Familie Löwenstein fand ein Gespräch mit Schülerinnen und Schülern des Mössinger Firstwaldgymnasiums statt. Der Rundfunkredakteur Bertram Schwarz aus Tübingen begleitete die Löwensteins und stellte einen informativen Radiobeitrag für die ARD / SWR 2 zusammen.
Der Beitrag kann gehört werden über diesen Link: www.ardmediathek.de